Statistikhörigkeit und Unirankings
Jedes Jahr wird das Academic Ranking of World Universities veröffentlicht. Das ist genau das Ranking, dass wir dann die Tage darauf auf allen Kanälen vorgebetet bekommen. Vor Allem, weil die deutschen Universitäten meist weit abgeschlagen auf den hinteren Plätzen sind.
Die Quelle oder gar das Verfahren werden für gewöhnlich verschwiegen. Dabei ist genau das der interessante Teil: Es handelt sich um das Ranking der Universität Shangai. Und wann man sich beim CHE die Details zu den Bewertungskriterien anschaut, dann staunt man nicht schlecht:
Die Bereiche “Qualität des Personals” und “Output in der Forschung” haben jeweils einen Anteil von 40 % am Gesamtergebnis. Dass das Personal eine wichtige Rolle spielen soll, ist unmittelbar einsichtig. Aber: Die Qualität des Personals bemisst sich zu einer Hälfte aus der Anzahl der Professoren, die einen Nobelpreis oder eine Fields-Medaille (so ungefähr das Mathematik-Äquivalent zum Nobelpreis) erhalten haben. In der anderen Hälfte geht es um die Zitierhäufigkeit in ausgewählten wissenschaftlichen Publikationen. Also spielt die Lehre anscheinend für die Qualität des Personals keinerlei Rolle. Außerdem: Es geht bei den Nobelpreisen gar nicht darum, wo dieser erworben wurde sondern nur darum, wo die entsprechende Person zum Erhebungszeitpunkt beschäftigt ist.
Der “Output in der Forschung” wird wiederum zur Hälfte aus Veröffentlichungen in Nature und Science berechnet. Die andere Hälfte entfällt auf das Web of Science, dass ebenfalls nur wissenschaftliche Publikationen mit hohem Einfluss repräsentiert.
Ach ja: Die Anzahl der Alumni, die einen Nobelpreis bekommen haben, fliesst als “Qualität der Ausbildung” mit 10 % in die Gesamtnote ein.
Zusammenfassung: 80 – 90 % der Bewertung hängt direkt von Nobelpreisen (oder Fields-Medaillen) und Veröffentlichungen in einigen wenigen wissenschaftlichen Magazinen ab. Zudem haben die Magazine einen deutlich naturwissenschaftlichen Fokus. Kein Wunder, dass die Geisteswissenchaften die Ranking-Position der Universitäten eher belasten.
Bevor wieder also alle lamentieren, dass die deutschen Universitäten so schlecht abschneiden, sollte man erstmal darüber nachdenken, wo man überhaupt hin will. Ist es wirklich von großen Wert, möglichst viele Nobelpreisträger an der Uni zu haben? Wird die Lehre dadurch besser? Und wird die Forschung besser, nur weil einer der Professoren vor 40 Jahren einen Nobelpreis bekommen hat?
Also bitte: Kritikfähigkeit auspacken und nicht einfach irgendwelchen Zahlen hinterherlaufen, die einem als die Ultima Ratio präsentiert werden.