Die zertifizierte Zukunft

Es gibt Menschen, die lernen in 4 Jahren Studium nichts. Und fallen am Ende durch die Bachelor-Prüfung. 4 Jahre verschenkt, tough luck! Und die, die bestehen, haben einen beliebigen, wertlosen Titel erworben, der nichts über ihre Qualifikation sagt. Auch 4 Jahre verschenkt. Behauptet Charles Murray in einem op-ed im Wall Street Journal.

Die Alternative sind für ihn unabhängige Zertifizierungen, die ohne Studium erworben werden können. Murray will die ganzen Abschlüsse im Bereich der higher education (in Deutschland: Universitäten/FHs) durch standardisierte Tests bei nationalen Zertifizierungsstellen ersetzt sehen. Nur so könne wirkliche Kompetenz (“authentic competence” [sic!]) garantiert werden. Sein Vorbild ist der Test zum CPA, zum Certified Public Accountant. Für die Qualität spricht die Dauer (14 Stunden) und die Durchfallquote (mehr als die Hälfte).

Dass eine 14-stündige automatisierte (es handelt sich um Multiple-Choice Fragen) Prüfung “authentic competence” besser feststellen kann als eine Bachelor-Prüfung bezweifle ich. Ebenso Murrays Annahme, dass die Studenten erst beim Abschluss nach fast 4 Jahren plötzlich merken, dass sie unfähig sind (bzw. das falsche Fach gewählt haben). Die Bachelor-Ausbildung ist gespickt mit Meilensteinen. Wer sein Credit-Soll nicht erfüllt, fliegt raus. Und wer glaubt schon, dass eine 4-jährige Ausbildung keinerlei persönlichkeitsbildende Spuren hinterlässt und somit in jedem Fall verschwendete Zeit ist?

Warum Murray so einseitig argumentiert wird klar, wenn er die Vorteile der neuen Freiheit beschreibt: Keine teure Ausbildung mehr an Privat-Unis, nicht den Lebensunterhalt für vier Jahre auf Kredit (oder mit reichen Eltern) bestreiten müssen. Vor allem für finanziell Benachteiligte ein Segen. Auf den ersten Blick! Auf den zweiten Blick eine klassische hidden agenda. Wenn sozial/finanziell Benachteiligte Aufstiegschancen haben, dann in einem Ausbildungssystem, in dem sie gefördert werden. In einem System, in dem die Lernenden betreut werden und in dem sie kontinuierlich Rückmeldungen über ihre Leistung kriegen. Wie im klassischen Bachelor. Dass dieser verbesserungswürdig sein mag sei hier mal aussen vor.

Murrays Argumentation läuft auf klassischen Marktliberalismus in der Bildung hinaus. Betreuung der Auszubildenden fällt weg. Woher sie ihr Wissen nehmen ist egal. Es zählen nur noch die Ergebnisse von standardisierten Multiple-Choice Tests. Dass ausgerechnet finanziell und sozial Benachteiligte davon profitieren sollen, wenn man sie allein lässt, ist nicht schlüssig.

Die Zukunft der Bildung

Murrays Vorschlag hat nicht nur für bestimmte Bevölkerungsgruppen Nachteile. Er führt die komplette Bildungspolitik in eine katastrophale Sackgasse: “That measure [die Punktzahl bei der Zertifizierung] should express what they know [...]“. Qualifikation in rezitierbarem Wissen zu messen ist kein Rezept für die Zukunft. Wir leben in einer Welt, in der Wissen immer schneller entwertet wird und die Fähigkeit, sich ständig Neues anzueignen und Kreativität die Erfolgsfaktoren der Zukunft sind. Wer nur standardisiertes Wissen besitzt ist austauschbar und dadurch in einer schlechten Position auf dem Arbeitsmarkt. Wer nur standardisiertes Wissen besitzt wird wahrscheinlich keine neuen Ideen entwickeln und Wissenschaft und Gesellschaft vorantreiben (Sir Ken Robinson bei TED zum Thema). Wer nur standardisiertes Wissen besitzt wird wahrscheinlich nicht hinterfragen.

Insofern geht es um mehr als “nur” um verschwendete Ausbildungszeit — es geht um ein Gesellschaftsbild: Leistet sich die Gesellschaft die Erziehung kritischer Bürger, die auch eigenwillig und unbequem sind; oder reicht es, das Arbeitswissen, dass gerade in den Firmen gebraucht wird, weiterzugeben.

Die Chancen stehen gut, dass niemand auf Murray hört; Personalchefs wissen genau, dass Bildung und Eignung als Mitarbeiter nicht in Zahlen gemessen wird. Persönlichkeit und umfassendes Wissen spielen die entscheidende Rolle.

Umfassende Entwarnung gibt es allerdings nicht. Auch bei uns ist die Bildungsfrage gestellt (siehe PISA). Allerdings nicht die richtige. Die lautet nämlich: Was soll Bildung eigentlich bringen? Solange wir das nicht wissen, können wir uns die Diskussion um G-8 oder das Zentralabitur sparen. Aber um die richtige Frage öffentlich zu stellen bräuchte man natürlich kritische und kreative Köpfe…

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