Forderungen für ein wissenschaftliches Web 2.0 (oder erstmal 1.1)
Vorwort: In meiner Diplomarbeit zitiere ich Quellen aus dem Web. Das ist in der Wissenschaft immer noch nicht gern gesehen. Und ausserdem umständlich (Datum dazuschreiben, wenn man einen Blogeintrag zitiert? Wie Bitte?). Aus dem Ärger sind ein paar Anforderungen entstanden, die ich ziemlich Nahe liegend fand und mich gewundert habe, dass diese so noch nirgends umgesetzt sind… noch jemand?
Web 0.8
“Stand on the shoulders of giants”, für die Wissenschaften eigentlich ein selbstverständliches Prinzip. Wissenschaftliche Zitierregeln sorgen dafür, dass man schon einmal Gedachtes einfach verwenden kann. Und dabei die Argumentation für den Leser nachvollziehbar bleibt. Der Verweis mit Autor, Titel und dem Namen der Publikation (oder der Ausgabe bei Büchern) identifiziert das zitierte Werk eindeutig. In der Papierwelt und auch im Web! Moment, auch im Web?
Selbst Web-Neulinge haben verstanden, dass der Link online das Mittel der Wahl ist, auf andere Inhalte zu verweisen. Da ist es verwunderlich, dass selbst fortschrittliche Journals wie PLoS ONE Referenzen in Artikeln durch eine Suche bei Google Scholar auflösen lassen.
Virtuelle Orte
Publlikationen eine URI oder eine URL damit sie im Web verlinkbar werden. Kritiker wenden immer wieder ein, dass URIs/URLs zu kurzlebig sind (z.B. durch Umstrukturierungen der Server), um die Erreichbarkeit eines Dokuments für lange Zeit zu garantieren. Deswegen sind Alternativlösungen wie DOI aufgetaucht.
Ein DOI ist ein Name, der ein Dokument global eindeutig identifiert. Allerdings macht er keine Aussage über dessen Aufenthaltsort. Deswegen müssen DOIs mit Hilfe eines Verzeichnisses zu einer Adresse aufgelöst werden. Dazu müssen die Dokumente kostenpflichtig mit den Verzeichnisbetreibern registriert werden. Ein direktes Verlinken ist meist ebenfalls nicht möglich. Nicht schick und sehr Web 0.8.
Tim Berners-Lee argumentiert, dass sich URLs nicht verändern (sollten). Deswegen könnte man sie auch ohne Weiteres für die Adressierung von Dokumenten verwenden. Ich finde das viel sympathischer und web-kompatibler.
Also, Anforderung 1: zitierfähige Dokumente brauchen eine stabile URL!
Moving targets
Artikel in Weblogs sind momentan nicht zitierfähig. Auf der einen Seite, weil sie keinem Review-Prozess unterliegen; viel wichtiger aber noch, weil sie sich verändern können. Beim Zitieren vermerkt man deswegen das Datum, an dem man das Dokument betrachtet hat. Aber das hilft nicht.
Es ist common practice geworden, nachträgliche Veränderungen in Artikeln textlich zu markieren. Darauf kann man sich nicht verlassen, weil der Autor die Markierungen manuell vornehmen muss. Auch ist der originale Wortlaut in der Regel nicht reproduzierbar.
Es wäre ein Leichtes, Versionierung in Publikationsanwendungen für das Web einzubauen. Wenn in einem Weblog, Content Management System oder sonstwo eine Seite verändert wird, wird einfach eine neue Version erzeugt, die man auch direkt referenzieren kann. Das könnte dann z.B. so aussehen: http://www.domain.com/papers/fürchterlichinteressantespaper/versions/6
Anforderung 2: zitierfähige Dokumente brauchen Versionierung!
Web 2.0
Die Diskussion und Kritik von Ideen ist ein zentraler Pfeiler der Wissenschaft. Sie findet meist privat, auf Konferenzen oder innerhalb eines wissenschaftlichen Magazins statt.
Das Web 2.0 verspricht hier eine Öffnung: Durch Trackbacks ist eine anwendungs- und sozusagen “medienübergreifende” Diskussion möglich. Ein Dokument “weiss” auf einmal, wer sich darauf bezieht. Für wissenschafltiche Artikel wäre der Artikel dann gleichzeitig das Portal für die zugehörige Diskussion (so wie das in Weblogs schon funktioniert). Diese ist dann nicht mehr auf die wissenschaftliche Welt beschränkt sondern öffnet sich für alle Nutzer des Web.
Ein Schmakerl noch zusätzlich: Wenn jeder Artikel Metadaten wie Titel, Autor usw. in maschinenlesbarer Form enthält, reicht es, für’s Zitieren die URL des Artikels zu kennen. Kein nerviges Von-Hand-Ausfüllen mehr.
Anforderung 3: diskussionsfreundliche Dokumente brauchen Trackbacks
Anforderung 4: zitierfreundliche Dokumente brauchen einheitliche Metadaten
Und jetzt?
Na, ein System bauen, das die genannten Anforderungen erfüllt! Die einzelnen Technologie für alle genannten Beispiele ist schon vorhanden und verbreitet im Einsatz (Weblogs, Wikis, Content Management Systems). Allerdings habe ich noch kein Beispiel gefunden, dass alle Technologien zusammen einsetzt.
Ich habe im Moment keine Lust, mir noch ein Projekt anzuhängen. Aber wenn jemand sowas implementieren möchte (oder eine Geschäftsidee hat) können wir uns gerne auf einen Kaffee treffen