Forderungen für ein wissenschaftliches Web 2.0 (oder erstmal 1.1)

17. October 2008

Vorwort: In meiner Diplomarbeit zitiere ich Quellen aus dem Web. Das ist in der Wissenschaft immer noch nicht gern gesehen. Und ausserdem umständlich (Datum dazuschreiben, wenn man einen Blogeintrag zitiert? Wie Bitte?). Aus dem Ärger sind ein paar Anforderungen entstanden, die ich ziemlich Nahe liegend fand und mich gewundert habe, dass diese so noch nirgends umgesetzt sind… noch jemand?

Web 0.8

“Stand on the shoulders of giants”, für die Wissenschaften eigentlich ein selbstverständliches Prinzip. Wissenschaftliche Zitierregeln sorgen dafür, dass man schon einmal Gedachtes einfach verwenden kann. Und dabei die Argumentation für den Leser nachvollziehbar bleibt. Der Verweis mit Autor, Titel und dem Namen der Publikation (oder der Ausgabe bei Büchern) identifiziert das zitierte Werk eindeutig. In der Papierwelt und auch im Web! Moment, auch im Web?

Selbst Web-Neulinge haben verstanden, dass der Link online das Mittel der Wahl ist, auf andere Inhalte zu verweisen. Da ist es verwunderlich, dass selbst fortschrittliche Journals wie PLoS ONE Referenzen in Artikeln durch eine Suche bei Google Scholar auflösen lassen.

Virtuelle Orte

Publlikationen eine URI oder eine URL damit sie im Web verlinkbar werden. Kritiker wenden immer wieder ein, dass URIs/URLs zu kurzlebig sind (z.B. durch Umstrukturierungen der Server), um die Erreichbarkeit eines Dokuments für lange Zeit zu garantieren. Deswegen sind Alternativlösungen wie DOI aufgetaucht.

Ein DOI ist ein Name, der ein Dokument global eindeutig identifiert. Allerdings macht er keine Aussage über dessen Aufenthaltsort. Deswegen müssen DOIs mit Hilfe eines Verzeichnisses zu einer Adresse aufgelöst werden. Dazu müssen die Dokumente kostenpflichtig mit den Verzeichnisbetreibern registriert werden. Ein direktes Verlinken ist meist ebenfalls nicht möglich. Nicht schick und sehr Web 0.8.

Tim Berners-Lee argumentiert, dass sich URLs nicht verändern (sollten). Deswegen könnte man sie auch ohne Weiteres für die Adressierung von Dokumenten verwenden. Ich finde das viel sympathischer und web-kompatibler.

Also, Anforderung 1: zitierfähige Dokumente brauchen eine stabile URL!

Moving targets

Artikel in Weblogs sind momentan nicht zitierfähig. Auf der einen Seite, weil sie keinem Review-Prozess unterliegen; viel wichtiger aber noch, weil sie sich verändern können. Beim Zitieren vermerkt man deswegen das Datum, an dem man das Dokument betrachtet hat. Aber das hilft nicht.

Es ist common practice geworden, nachträgliche Veränderungen in Artikeln textlich zu markieren. Darauf kann man sich nicht verlassen, weil der Autor die Markierungen manuell vornehmen muss. Auch ist der originale Wortlaut in der Regel nicht reproduzierbar.

Es wäre ein Leichtes, Versionierung in Publikationsanwendungen für das Web einzubauen. Wenn in einem Weblog, Content Management System oder sonstwo eine Seite verändert wird, wird einfach eine neue Version erzeugt, die man auch direkt referenzieren kann. Das könnte dann z.B. so aussehen: http://www.domain.com/papers/fürchterlichinteressantespaper/versions/6

Anforderung 2: zitierfähige Dokumente brauchen Versionierung!

Web 2.0

Die Diskussion und Kritik von Ideen ist ein zentraler Pfeiler der Wissenschaft. Sie findet meist privat, auf Konferenzen oder innerhalb eines wissenschaftlichen Magazins statt.

Das Web 2.0 verspricht hier eine Öffnung: Durch Trackbacks ist eine anwendungs- und sozusagen “medienübergreifende” Diskussion möglich. Ein Dokument “weiss” auf einmal, wer sich darauf bezieht. Für wissenschafltiche Artikel wäre der Artikel dann gleichzeitig das Portal für die zugehörige Diskussion (so wie das in Weblogs schon funktioniert). Diese ist dann nicht mehr auf die wissenschaftliche Welt beschränkt sondern öffnet sich für alle Nutzer des Web.

Ein Schmakerl noch zusätzlich: Wenn jeder Artikel Metadaten wie Titel, Autor usw. in maschinenlesbarer Form enthält, reicht es, für’s Zitieren die URL des Artikels zu kennen. Kein nerviges Von-Hand-Ausfüllen mehr.

Anforderung 3: diskussionsfreundliche Dokumente brauchen Trackbacks

Anforderung 4: zitierfreundliche Dokumente brauchen einheitliche Metadaten

Und jetzt?

Na, ein System bauen, das die genannten Anforderungen erfüllt! Die einzelnen Technologie für alle genannten Beispiele ist schon vorhanden und verbreitet im Einsatz (Weblogs, Wikis, Content Management Systems). Allerdings habe ich noch kein Beispiel gefunden, dass alle Technologien zusammen einsetzt.

Ich habe im Moment keine Lust, mir noch ein Projekt anzuhängen. Aber wenn jemand sowas implementieren möchte (oder eine Geschäftsidee hat) können wir uns gerne auf einen Kaffee treffen :-)

Unkonferenz-Management-Software

13. October 2008

Liebe Leser,

ich suche nach einer web-basierten Konferenzplanungssoftware mit folgenden Eigenschaften:

  • Tagesplanung mit Zeit-Slots
  • Termine/Vorträge mit einem Klick und Eingabe des Titels erstellt werden
  • Termine/Vorträge lassen sich im Zeitraster hin und herziehen (ja, drag-n-drop)
  • mehrere Tracks (also z.B. mehrere Räume) parallel müssen unterstützt werden
  • jede Terminänderung erzeugt ein abonnierbares Event (Atom oder RSS)
  • jede Veranstaltung hat eine URL, die sich nicht ändert (/event/foo oder /event/567)
  • die Anwendung steht unter einer freien Lizenz, die Modifikationen erlaubt
  • Bonus: die Anwendung hat ein integriertes Wiki

Wenn jemand sowas kennt (auch, wenn nicht alle Anforderungen berücksichtigt sind), bitte im Kommentar verlinken.

Wir machen unsere Sicherheit selbst!

10. October 2008

Google implementiert SAML selbst und “vergisst” dabei eines der wichtigsten Features. Lernt man nicht irgendwann in seiner Computerkarriere, dass man standardisierte Sicherheitsprotokolle nicht mal “so eben” selbst implementiert?

Aus aktuellem Anlass…

9. October 2008

Freedeom Not Fear

… morgen ist Demo in Berlin (und auch in anderen Orten)! Kommt in Alu oder im Anzug!

Gegen die Freiheit, äh, die Raubkopien…

23. September 2008

Ein bißchen kurzfristig, aber wer sich noch nicht damit beschäftigt hat, möge sich doch bitte mal etwas Hintergrund über das Telekom-Paket anlesen, dessen erste Lesung im Europa-Parlament morgen (24.9.) ist. Es geht in einigen Änderungsanträgen um eine Aushebelung des Richtervorbehalts bei der Herausgabe persönlicher Daten durch die Telekommunikationsfirmen an Rechteinhaber (also die Film- und Musikindustrie).

Am effektivsten ist ein Anruf beim Europa-Abgeordneten eures Vertrauens. Die Nummern findet ihr hier.

Die zertifizierte Zukunft

19. August 2008

Es gibt Menschen, die lernen in 4 Jahren Studium nichts. Und fallen am Ende durch die Bachelor-Prüfung. 4 Jahre verschenkt, tough luck! Und die, die bestehen, haben einen beliebigen, wertlosen Titel erworben, der nichts über ihre Qualifikation sagt. Auch 4 Jahre verschenkt. Behauptet Charles Murray in einem op-ed im Wall Street Journal.

Die Alternative sind für ihn unabhängige Zertifizierungen, die ohne Studium erworben werden können. Murray will die ganzen Abschlüsse im Bereich der higher education (in Deutschland: Universitäten/FHs) durch standardisierte Tests bei nationalen Zertifizierungsstellen ersetzt sehen. Nur so könne wirkliche Kompetenz (“authentic competence” [sic!]) garantiert werden. Sein Vorbild ist der Test zum CPA, zum Certified Public Accountant. Für die Qualität spricht die Dauer (14 Stunden) und die Durchfallquote (mehr als die Hälfte).

Dass eine 14-stündige automatisierte (es handelt sich um Multiple-Choice Fragen) Prüfung “authentic competence” besser feststellen kann als eine Bachelor-Prüfung bezweifle ich. Ebenso Murrays Annahme, dass die Studenten erst beim Abschluss nach fast 4 Jahren plötzlich merken, dass sie unfähig sind (bzw. das falsche Fach gewählt haben). Die Bachelor-Ausbildung ist gespickt mit Meilensteinen. Wer sein Credit-Soll nicht erfüllt, fliegt raus. Und wer glaubt schon, dass eine 4-jährige Ausbildung keinerlei persönlichkeitsbildende Spuren hinterlässt und somit in jedem Fall verschwendete Zeit ist?

Warum Murray so einseitig argumentiert wird klar, wenn er die Vorteile der neuen Freiheit beschreibt: Keine teure Ausbildung mehr an Privat-Unis, nicht den Lebensunterhalt für vier Jahre auf Kredit (oder mit reichen Eltern) bestreiten müssen. Vor allem für finanziell Benachteiligte ein Segen. Auf den ersten Blick! Auf den zweiten Blick eine klassische hidden agenda. Wenn sozial/finanziell Benachteiligte Aufstiegschancen haben, dann in einem Ausbildungssystem, in dem sie gefördert werden. In einem System, in dem die Lernenden betreut werden und in dem sie kontinuierlich Rückmeldungen über ihre Leistung kriegen. Wie im klassischen Bachelor. Dass dieser verbesserungswürdig sein mag sei hier mal aussen vor.

Murrays Argumentation läuft auf klassischen Marktliberalismus in der Bildung hinaus. Betreuung der Auszubildenden fällt weg. Woher sie ihr Wissen nehmen ist egal. Es zählen nur noch die Ergebnisse von standardisierten Multiple-Choice Tests. Dass ausgerechnet finanziell und sozial Benachteiligte davon profitieren sollen, wenn man sie allein lässt, ist nicht schlüssig.

Die Zukunft der Bildung

Murrays Vorschlag hat nicht nur für bestimmte Bevölkerungsgruppen Nachteile. Er führt die komplette Bildungspolitik in eine katastrophale Sackgasse: “That measure [die Punktzahl bei der Zertifizierung] should express what they know [...]“. Qualifikation in rezitierbarem Wissen zu messen ist kein Rezept für die Zukunft. Wir leben in einer Welt, in der Wissen immer schneller entwertet wird und die Fähigkeit, sich ständig Neues anzueignen und Kreativität die Erfolgsfaktoren der Zukunft sind. Wer nur standardisiertes Wissen besitzt ist austauschbar und dadurch in einer schlechten Position auf dem Arbeitsmarkt. Wer nur standardisiertes Wissen besitzt wird wahrscheinlich keine neuen Ideen entwickeln und Wissenschaft und Gesellschaft vorantreiben (Sir Ken Robinson bei TED zum Thema). Wer nur standardisiertes Wissen besitzt wird wahrscheinlich nicht hinterfragen.

Insofern geht es um mehr als “nur” um verschwendete Ausbildungszeit — es geht um ein Gesellschaftsbild: Leistet sich die Gesellschaft die Erziehung kritischer Bürger, die auch eigenwillig und unbequem sind; oder reicht es, das Arbeitswissen, dass gerade in den Firmen gebraucht wird, weiterzugeben.

Die Chancen stehen gut, dass niemand auf Murray hört; Personalchefs wissen genau, dass Bildung und Eignung als Mitarbeiter nicht in Zahlen gemessen wird. Persönlichkeit und umfassendes Wissen spielen die entscheidende Rolle.

Umfassende Entwarnung gibt es allerdings nicht. Auch bei uns ist die Bildungsfrage gestellt (siehe PISA). Allerdings nicht die richtige. Die lautet nämlich: Was soll Bildung eigentlich bringen? Solange wir das nicht wissen, können wir uns die Diskussion um G-8 oder das Zentralabitur sparen. Aber um die richtige Frage öffentlich zu stellen bräuchte man natürlich kritische und kreative Köpfe…

Updates

28. May 2008

Endlich mal wieder Zeit gehabt, das Blog zu pflegen. Ergebnis: Neues Layout, WordPress 2.5.1, 2h Rumgehampel mit der Datenbank, weil das Update-Skript selbige ruiniert hatte. Inhalte gerettet, nur die Umlaute in alten Artikeln sind jetzt kaputt…

Aber irgendwann kommt auch mal wieder interessanter Inhalt hier. Ich versprech’s!

betriebswirtschaftliches 1×1

31. January 2008

Sollen sie doch sagen, dass sie Bochum dichtmachen, weil man in Rumänien mehr Gewinn machen kann (glauben sie zumindest). Aber dann den Leuten erzählen, die 130 Mio. seien doch kein Gewinn sondern nur so ein Wert, den man der Steuer wegen angeben muss. Und ausserdem mache man ja gar keinen Gewinn in Bochum. Dort würden Telefone nur hergestellt, nicht verkauft (heute-journal vom 30.1.).

Nokia macht sich anscheinend lieber über ihre ehemaligen Mitarbeiter lustig anstatt ihre Interpretation des Kapitalismus zu erklären.

A****löcher!

Nerd-Art

24. January 2008

hier. Ohne Kommentar!

Update: Das Set ist nicht mehr öffentlich! Schade.

Die Zukunft der Musik…

24. January 2008

könnte so aussehen, wie last.fm es heute angekündigt hat: Abo mit unlimitierter Musik, verknüpft mit social network. Endlich mal jemand, der ein Alternativmodel zum Labelmarkt hat und damit sogar Erfolg haben könnte.

Ich bin gespannt, wie das Preismodell aussieht.